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Wie man durch Sprache Bomben legen kann: gefährlicher christlicher Fundamentalismus
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Ein Kommentar zur Dreikönigspredigt von Kardinal Meißner
Marcel M. Baumann, 7. Januar 2005
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Das Fest der „Erscheinung des Herrn“ am 6. Januar ist besser bekannt als Dreikönigstag. Und zu den Heiligen Drei Königen hat das Erzbistum Köln eine ganz besondere Beziehung, sind doch die Reliquien der heiligen Könige in ihrem Schrein Mittelpunkt des Kölner Doms. (…) Im Vordergrund dieses Tages steht aber die Epiphanie, die historisch greifbare Erscheinung Gottes in Jesus Christus. Die Geschichte des Epiphaniefestes ist höchst verschlungen. Im Abendland wurde die Anbetung der Magier ursprünglich dem Weihnachtsfest selber zugeordnet. Doch schon im vierten Jahrhundert trennte sie sich vom Festinhalt des 25. Dezember ab. Auf diese Weise galten die Magier als die ersten Heiden, die die Erscheinung Gottes in dem neugeborenen Kind bezeugten: Gott ist allen Menschen erschienen.“ (Homepage des Erzbistums Köln; http://www.erzbistum-koeln.de:80/opencms/opencms/index.html; 07.01.05.)
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Allen Menschen? Diese Selbstbeschreibung des Erzbistums Köln wird dann zur Farce, wenn man sich die Schlagzeilen zur diesjährigen Dreikönigspredigt ihres Kardinals vergewissert:
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Zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht. (Kardinal Meißner; Spiegel Online; 07.01.05; http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,335815,00.html)
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Mitten in eine Zeit hinein, in welcher die Sternsinger Geld für die Flutopfer spenden und in welcher fast die ganze Republik wie paralysiert auf die furchtbaren Ereignisse in Südostasien schaut und die Bevölkerung große Summen spendet, tritt ein üblicher Verdächtiger aufs Podium: Nicht nur zeitlich unpassend, sondern auch politisch und moralisch anstößig. Der Zentralrat der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, bezeichnete Meißners Gleichsetzung von NS-Völkermord und heutiger Abtreibung als eine Beleidigung der Millionen Holocaust-Opfer beleidigt (in: Spiegel Online; 07.01.05; http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,335815,00.html).
Egal, ob es um die so genannte „Abtreibungspille“ geht, welche von Meißner als „Tötungspille“ bezeichnet wurde oder um ein „gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Protestanten“, welches von Meißner kategorisch abgelehnt wird; Meißner erweist sich als unschöner und berüchtigter „agent provocateur“. Wäre Meißner so etwas wie ein religiöser Karl Moik oder Gotthilf Fischer, dann hätten seine „Aussetzer“ einen ähnlichen Unterhaltungswert wie das Musikantenstadl und wären entsprechend (wenig) Ernst zu nehmen.
Doch Sprache kann selbst zur Waffe werden, indem sie sich in den Taten anderer manifestiert: Denken wir nur z.B. an die militanten Abtreibungsgegner in den USA, welche Bomben auf Abtreibungsklinken werfen und tödliche Anschläge auf Ärzte verüben. Egal, ob beabsichtigt oder nicht, die religiöse Rechte liefert durch Predigten wie die gestrige Dreikönigspredigt eine ideologische Rechtfertigung für Gewaltakte unter dem Deckmantel des Christentums. In einem Referat vor der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Budapest im Jahre 2003 dozierte Meißner darüber, dass Homosexuelle, „Nach-Achtzundsechziger“, Fortschritts- und Wissenschaftsgläubigen, Drogensüchtigen und Terroristen eine Bedrohung für die Werteordnung seien: „Der europäische Mensch muss diese Gifte ausschwitzen.“ Der Kölner Lesben und Schwulentag e.V. stellte daraufhin eine Strafanzeige gegen Meißner.
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Es gibt mehr biblische Gründe dafür, gegen Homophobie als gegen Homosexualität zu sein. (Judith Eisert, Netzwerk Katholischer Lesben; http://www.netzwerk-katholischer-lesben.de/meisner_referat_2003.htm)
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Homosexuellen, alleinerziehende Frauen, Drogenkranke sowie Minderheiten im Allgemeinen und andere Feindbilder der religiösen Rechten werden so in eine Ecke gestellt und gesellschaftlich isoliert. Die angebliche anständige, christliche Gesellschaft hat nur wenig Toleranz für sie übrig. Die Beschreibung im Eingangszitat, wonach „die Erscheinung Gottes in dem neugeborenen Kind“ auch die Bedeutung hatte, dass „Gott allen Menschen erschienen ist“ trifft also nur auf alle zu, die sich zu allem bekennen, was die Gesellschaft ihnen vorgibt. Die Mehrheitsgesellschaft wird so zur geschlossen Gesellschaft.
Dieser Kommentar soll jedoch nicht den Negativismus Meißners mit eigenem Negativismus beantworten, sondern Meißner im Sinne Gandhis ein „constructive programme“ anzubieten. Dieses lässt sich auf die Kurzformel „Helfen statt Strafen“ zusammenfassen. Meißner sollte sich im genauen Gegenteil von Intoleranz und Ausgrenzung zu begegnen, nämlich mit Toleranz und der Kraft der Liebe. Der Weg dorthin ist der Dialog. Würde sich Meißner in einen Dialogprozess mit Frauen und Mädchen, die abgetrieben haben, begeben, dann würde er vielleicht etwas Empathie mit deren Leid und Elend bekommen. Eine Abtreibung ist immer eine schlechte Wahl, aber oft vielleicht die einzige, die einem jungen Mädchen bleibt, die sich z.B. mitten in einem Ausbildungsverhältnis zur Frisöse befindet, finanziell von der Hand in den Mund lebt und trotz der Pille (auch dagegen ist ja die Amtskirche!) ungewollt schwanger geworden ist. „Keine Frau ist für die Abtreibung und setzt sich ihr ohne ungeheure Skrupel und Leiden aus“, schreibt Katharina Rutschky in der Welt am 5. Mai 2004, „Für die Abtreibung im emphatischen Sinn kann man nämlich so wenig sein wie für den Krieg.“ Eine Abtreibung ist keine Gallenoperation. Sie hinterlässt tiefe seelische Narben, Spuren, die wohl nie verschwinden werden. Was sie am wenigsten brauchen können sind verbale Schläge ins Gesicht von so genannten anständigen, moralischen Sittenwächtern.
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Marcel M.Baumann E-Mail: marcelbaumann@gmx.net |
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